Ein Ausflug in das Silicon Wadi

Getreu dem Motto “Einmal sehen ist besser als hundertmal hören!“, war unsere Public Relations Managerin Jenny Wiethölter auf einem Innovation Field Trip durch die Startup-Szene von Tel Aviv unterwegs. Gemeinsam mit Studenten und Mitarbeitern der Hamburg Media School wurden eine Woche lang zahlreiche Unternehmen besucht, um einen Eindruck von der hiesigen Szene zu bekommen. Jenny teilt hier ihre Eindrücke mit uns.

Israel ist ein Land in dem durchschnittlich alle zwei Jahre Krieg ausbricht. Alle jungen Menschen, die wir auf unserer Reise treffen, haben im Militär gedient oder waren sogar unmittelbar in die letzten schwereren Auseinandersetzungen im Gaza-Streifen involviert. Diese instabile geopolitische Lage führt aber nicht dazu, dass sich alle im Keller verstecken und in Angststarre verfallen. Nein, so scheinen die Israelis nicht zu ticken. Anstatt den Kopf in den Sand zu stecken, entwickelt man Technologien die die Welt verändern und investiert, investiert, investiert. „Wir machen aus Nachteilen, Vorteile“ hieß es in einem unserer Gespräche mit jungen Gründen.

„Wir sind zwar klein, aber alle reden über Israel!“

Im Laufe der Woche werden wir immer wieder auf den unglaublichen Exit von Mobile Eye, dem Weltmarktführer für Unfallpräventionssysteme, an Intel hingewiesen. 15 Milliarden US $ sollen geflossen sein. Man mag sich nun darüber streiten, ob es sich noch um ein „Startup“ handelt, wurde Mobile Eye doch bereits 1999 gegründet. Gewiss aber ist, dass in diesem Land entscheidende Technologien entwickelt werden und solche Erfolgsgeschichten andere Gründer enorm dazu anspornen, nachzuziehen.

Alles dreht sich um Scalability, dabei ist Technologie das Vehikel

Auf der Suche nach der israelischen Secret Sauce wird uns immer wieder erklärt, dass die erstaunliche Innovationskraft maßgeblich durch die Kultur, die Einwanderung und das Militär angetrieben werden. Vorwiegend werden Startups im Bereich IoT, Software, Cyber, Big Data, Life Science, Mobile & Telco sowie Wasser & Energie gegründet. Das kleine Israel, mit seinen 8 Millionen Einwohnern, verfügt über die höchste Dichte an Startups außerhalb des Silicon Valleys. Auf 2.000 Einwohner kommt ein Startup, es gibt mehr als 100 israelische Venture Capital Fonds und über 80 Accelerator. Weltweit belegt Israel den dritten Platz auf der Skala der innovativsten Länder. In vielen global führenden Firmen sitzen Israelis in den Führungsriegen.

Warum? Eine Erklärung wird immer wieder geliefert: „Wir sind nicht schüchtern, wir sind laut!“ Man beschreibt diese Mentalität auch mit dem Begriff „Chutzpe“, einer belebenden Mischung aus unnachgiebiger Zielstrebigkeit, kluger Unverschämtheit, charmanter Penetranz und energischer Dreistigkeit. Eine gute Voraussetzung, um sich als Gründer durchzusetzen. Hinzu kommt die exzellente technische Ausbildung an israelischen Hochschulen und der Innovationsdruck im Militär, die extrem gute Entwickler hervorbringen.

Einwanderung nimmt nicht Arbeitsplätze, sondern fördert Innovation!

Durch die jüdische Immigration nach Israel, sind immer wieder neue Perspektiven, durch Menschen aus aller Welt hinzugekommen, die sich etwas aufbauen wollten und auch mussten. Sei es ein Zuhause, eine Familie, ein Netzwerk oder eine Karriere. Der Wille hart zu arbeiten und kooperieren zu können, sind wertvolle Qualitäten unternehmerisch denkender Menschen. Gefühlt hat das hier jeder verstanden. Unternehmertum und Selbstständigkeit sind hier nicht etwas für wagemutige Exoten, sondern geradezu ein Bedürfnis oder eine Bestimmung.
Manch einer vergleicht es mit dem einstigen Gründer-Spirit in den USA, der zuletzt leider zunehmend Fremdenfeindlichkeit und Ignoranz weichen musste, und betont, dass es darauf ankommt, wie man mit Zuwanderung und Integration umgeht. Es geht um die Einstellung an sich. „Aus einer negativen Abwehrhaltung kann doch nichts Gutes entstehen.“

Die Vision ist „World Domination“ vom ersten Tag an

Die reisebegeisterten Israelis waren stets darauf angewiesen Informationen effizient auszutauschen. Durch die angespannte politische Lage musste man einfallsreich sein und hat die Möglichkeiten der Digitalisierung sehr schnell gesehen, angenommen und weiterentwickelt. Israel eignet sich hervorragend als Testmarkt, ist aber so klein, dass man von Anfang an international denken muss. Im Team kommuniziert man z.B. vorwiegend auf und erstellt alle Dokumente in Englisch, um schneller internationalisieren zu können. Eine Prise Größenwahn schadet hier nicht. Es scheint so, als sei Israel geografisch deutlich näher an den USA gelegen als wir, oder zumindest macht der Sprung dorthin niemandem Angst

Man ĂĽbernimmt schon frĂĽh FĂĽhrungsverantwortung

Die Israel Defense Forces, abgekürzt IDF, ist rund um Technologie aufgebaut. Ein Großteil der Tech-Gründer kommt aus der renommierten 8200 Einheit, dem Intelligence Corps. Das Militär soll, im Vergleich zu anderen, weitaus weniger strikt mit seinen Soldaten umgehen. Es herrschen flache Hierarchien, man duzt sich. Leute werden motiviert dort Dinge in Frage zu stellen und nicht dazu erzogen, militärischen Gehorsam zu leisten. Man denkt nicht „Outside the box“, sondern strebt an, keine Box zu haben: „Sonst wird ja nichts besser!“ Im Rahmen der militärischen Ausbildung, lernen viele junge Israelis schon früh Verantwortung zu übernehmen. Dabei geht es im Zweifel darum, dass abends alle wieder lebend nachhause kommen. Es ist verdammt ernst, kein Spiel!
Das Militär dient also als Quell neuer Innovationen im Technologiebereich und als Ausbildungsstätte starker, querdenkender Führungskräfte. Interessant.

Und was können wir lernen?

FĂĽr unsere deutsche Startup-Szene kann man sicher mitnehmen, dass wir ruhig selbstbewusster sein können. Innovationen aus Universitäten und Forschungszentren sollten noch stärker in Startup-GrĂĽndungen einflieĂźen und Investoren könnten gerne etwas mehr riskieren. Ă„pfel und Birnen lassen sich nur bedingt vergleichen und unsere Deutsche Startup-Szene hat in den letzten Jahren groĂźe SprĂĽnge gemacht. Wir haben uns jedenfalls sehr am regen Interesse an unserem Hanse Ventures Portfolio erfreut und werden auch zukĂĽnftig BrĂĽcken ins gelobte Land – ins Silicon Wadi – bauen. Und wer weiĂź, vielleicht gibt es auch in einigen Jahren deutsche Exits im Kaliber von Mobile Eye?

Wer sich einen Eindruck von Israel machen möchte, ohne weit zu reisen, dem sei das Buch Start-up Nation: The Story of Israel’s Economic Miracle von Dan Senor and Saul Singer empfohlen.